„Willkommen in Wertheim“ (WiW) ist ein eingetragener Verein, der am 23.06.2015 gegründet wurde und sich die Unterstützung und Integration der aufgrund von Asylverfahren und anderer staatlicher Aufnahmeprogramme der Gemeinde Wertheim zugewiesenen Flüchtlinge zum Ziel gesetzt hat. Dabei spielt der jeweilige Status (bereits anerkannt, noch im Asylverfahren, geduldet) keine Rolle für unser Engagement.

Der Grund unseres Engagements

Nach Schätzungen des UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) leben derzeit mehr als 65 Millionen Menschen in einer flüchtlingsähnlichen Situation. Das Auswärtige Amt der BRD nennt „schwere Menschenrechts- verletzungen, schlechte Regierungsführung, Korruption, Ungleichheit, Diskriminierung, Straflosigkeit, Folgen des Klimawandels, Hunger, starkes Bevölkerungswachstum sowie allgemein schlechte wirtschaftliche Rahmen- bedingungen“ als strukturelle Ursachen, die Flucht und Migration auslösen. Am schwersten wiegt die weltweite Zunahme und Intensivierung religiös und/oder ethnisch motivierter kriegerischer Konflikte, also Verfolgung und Vertreibung aufgrund von Krieg und Bürgerkrieg.

Die meisten Betroffenen bleiben als sogenannte Binnenvertriebene in ihrer Herkunftsregion. Auch die Flüchtlinge, die längere Distanzen zurücklegen bleiben größtenteils in von hier entfernten Staaten (Libanon, Pakistan, Iran, Äthiopien, Kenia u.a.). Vor 2015 waren Fluchtbewegungen hierzulande demnach kein zentrales Problem der Migration. 2014 wurden im gesamten EU-Raum rd. 530.000 Asylanträge gestellt, das wäre ökonomisch selbst bei vorläufiger Arbeitslosigkeit der Zugewanderten eine durchaus vertretbare temporäre Belastung der öffentlichen Haushalte gewesen. Allerdings orientierten und orientieren sich die politischen Reaktionen auf die Zunahme der Flucht- und Migrationswelle oftmals bis heute an der irrealen Vorstellung, Europa könne sich von von der globalen Krisenentwicklung abschotten. Von einer der Problemlage angemessenen europäischen Politik der Migration und Fluchtmigration kann nicht gesprochen werden. Das Auswärtige Amts der BRD gibt zu, daß „der starke Zustrom an Schutzsuchenden in den Jahren 2015 und 2016 (…) viele Defizite des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems offengelegt“ hat.

  • Bisher konnten sich die EU-Staaten weder auf einen tauglichen Verteilungsschlüssel und/oder einen finanziellen Ausgleichmechanismus für übermäßig belastete Aufnahmeländer noch eine (ohnehin gering angesetzte) Mindestquote aufzunehmender Flüchtlinge einigen.
  • Legale Zuwanderungswege in die EU sind noch immer auf ein Mindestmaß beschränkt.
  • Die Bestimmungen des Dubliner Abkommens und die polizeiliche Sicherung der europäischen Außengrenzen durch die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) sind nicht nur untaugliche Instrumente um Asylgewährung und die Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention zu regeln, sondern tragen sogar oft dazu bei, die Versuche einer nachhaltigen nationalen und übernational koordinierten Integrationspolitik zu unterlaufen.
  • Das bereits seit 1999 bestehende Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) hat es bis heute nicht geschafft, die Aufnahmenormen multinational abzustimmen, um den in der EU Asyl Suchenden unter gleichen Bedingungen Schutz zu gewähren.
  • Die Vorschläge des sogenannten „Reformpakets“ der Europäischen Kommission vom Mai 2016 werden ohne Fortschritte zwischen den Mitgliedsländern verhandelt.
  • Der „Aktionsplan für die Außendimension der Migrations- und Flüchtlingspolitik“ des Auswärtigen Amts der BRD verbleibt ebenfalls weitgehend bei Strategieempfehlungen und Absichtserklärungen.

Eine verantwortungsvoll vorausschauende Politik kann die gravierenden politischen und gesellschaftlichen Destabilisierungswirkungen des massiv anschwellenden Anteils der Flucht an den globalen Wanderungsbewegungen nicht weiter ignorieren. Und gerade Europa als politisch und ökonomisch relativ sicherer Teil der Welt sollte darauf dringen, daß Schutzsuchende vor potentiellen und tatsächlichen Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierungen und Repressalien aufgenommen werden und eine neue Lebensperspektive erhalten. Insbesondere für die ökonomisch prosperierende BRD sprechen nicht nur humanitäre sondern auch historische Erfahrungen und Verpflichtungen für eine geregelte Aufnahme der Antragsteller. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015: „Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen – das war nicht immer so“.

„Hoffnung und Chancen“: Willkommen in Wertheim e. V.

Noch 2015 entsprach den Defiziten in der Außen- und Europapolitik eine geradezu dramatisch überholte Politik im Innern. Die traditionelle deutsche Flüchtlingspolitik ging von Voraussetzungen aus, die längst nicht mehr zutrafen. Flüchtlingen sollte solange Schutz gewährt werden, wie Gefahr für sie bestünde, anschließend müssten sie in ihre Heimatländer zurückkehren, bzw. würde ihnen der Flüchtlingsstatus entzogen. Der enorme Anstieg der Flüchtlingszahlen aus Bürgerkriegsgebieten (Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Somalia), bei denen es keine Sicherheit außer der Gewissheit gibt, daß die Konflikte noch unabsehbar lange andauern werden, konterkarierte jedoch politische Planung, die mit mittelfristiger Rückkehr eines nennenswerten Teils der Flüchtlinge rechnete. Asylbewerber und Flüchtlinge wurden zu potentiellen Einwanderern, und dadurch von temporären Versorgungsempfängern zu Bewerbern um aktive Teilnahme an Arbeitsleben und Gesellschaft. Das ließ sich nicht mit Kontroll- und Versorgungsmechanismen vereinbaren, die sie zu bloßen Objekten bürokratischer Abläufe machten.

Der Anstieg der Flüchtlingszahlen überstieg zudem die Kapazität aller verantwortlichen Stellen. Die Überlastung des unvorbereiteten Verwaltungssystems durch Anträgestau und blockierte Abschiebeverfahren stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Bundesländer und Kommunen vor kaum noch lösbare Probleme bei der Registrierung (Statusprüfung und -zuweisung) und Unterbringung und führte die schutzsuchenden Antragsteller in eine zusätzliche äußerst belastende Wartesituation, die sowohl von rechtlicher Unsicherheit als auch von starker Beschränkung ihrer alltäglichen Lebenssituation (Residenzpflicht, Verbot der Arbeitsaufnahme etc.) geprägt war. Da die meisten Flüchtlinge kaum Orientierungswissen über die Aufnahmegesellschaft hatten und über nur ungenügende Alltagskompetenzen (insbesondere Sprache) verfügten entstanden kaum engere Kontakte zu „Einheimischen“.

In dieser Situation wurde Willkommen in Wertheim e.V. (WiW) gegründet, um die strukturellen Leerstellen politisch-administrativen Handelns durch ein bürgergetragenes Engagement zu füllen. Alter, Herkunft, sozialer Hintergrund, berufliche Qualifikation, und politische Orientierung der Mitglieder sind unterschiedlich, ihre Kompetenzen entsprechend vielfältig. Dadurch besaß und besitzt der Verein die nötige Flexibilität, um auf die verschiedenen Anforderungen der sog. Flüchtlingswelle zu reagieren. In seiner Anfangsphase widmete sich der Verein vorwiegend den in Wertheim und Umgebung in der „kommunalen Anschlussunterbringung“ wohnenden Flüchtlingen. WiW fungierte zum einen als Bindeglied zwischen den neu Zugezogenen und den städtischen Behörden, Wohlfahrtseinrichtungen, Vereinen und der Öffentlichkeit. Zum anderen betreuten die Vereinsmitglieder als „Paten“ die Neuankömmlinge in der Bewältigung ihres unmittelbaren Alltags. Über diese „Patenschaften“ entstanden persönliche Kontakte und wurden Sprach- und Orientierungshilfen, Behördenhilfen, gemeinsame Freizeitaktivitäten etc. organisiert.

Der Verein heute

Der Verein ist weiterhin betreuend und beratend tätig in den Bereichen

Patenschaften:

• Herstellung persönlicher Kontakte,
• Orientierungshilfen im Alltagsleben (z. B. Arztbesuche),
• Unterstützung bei Behörden und Wohnungssuche.
• ( – spezielle Unterstützung der Paten durch Supervision – )

Sprachförderung:
• Zertifizierte Sprachkurse in Kooperation mit der örtlichen

Volkshochschule und eigenständig in den Räumlichkeiten des Vereins.

Versorgung:
• Ausgabe von Bekleidungserstausstattungen und Möbeln an Geflohene.

Begegnung:

  • Benefizkonzerte und Theateraufführungen für Flüchtlinge undEinheimische,
  • regelmäßige Treffen zwischen Geflohenen und Bürgern,
  • gleichermaßen für Geflohene und Einheimische offene Kursangebote(Tanz, Trommeln, Nähen, Kochen, Computer, …),
  • Vorträge in Schulen und Vereinen.

Arbeitsvermittlung:

Vermittlung von Geflohenen in sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen,
Unterstützung bei der Arbeitsaufnahme.

Der Aufnahmeprozess von Zu- oder Einwanderern in eine Gesellschaft verläuft in den verschiedenen Lebensbereichen in unterschiedlicher Geschwindigkeit und mit unterschiedlichem Erfolg. Damit Integration gelingt, muß eine neue Art von Gemeinschaft entstehen. Aus „Flüchtlingen“ bzw. „Geflohenen“ werden rechtlich und sozial gleichberechtigte und gleichverpflichtete Staatsbürger. Die Entwicklung gegenseitiger Akzeptanz ist ein langwieriger und anspruchsvoller Vorgang, Integrationspolitik kann lediglich notwendige Voraussetzungen für Eingliederung schaffen (Zugang zu Arbeitsmärkten, Anerkennung oder Ergänzung von Qualifikationen, Anpassung des Bildungssystems, kulturspezifische Versorgungssysteme, Beratungstellen etc.). Dabei ist die Anerkennung und Unterstützung zivilgesellschaftlichen Engagements durch die Öffentlichkeit und die Behörden auf allen Verwaltungsebenen von größter Bedeutung. Ebenso erfordert die zunehmende Gefahr der dogmatischen Einteilung der Welt in Freund und Feind durch reaktionäre Strömungen von rechts und links die eindeutige Ablehnung von vereinfachenden populistischen Phrasen jeder Couleur.

Gesellschaftliches Engagement bei politischer Unabhängigkeit und die Weiterentwicklung von Integration als gegenseitiger Prozess wird sich auch zukünftig in den Aktivitäten des Vereins abbilden.

Wertheim, Mai 2018
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