Rede von Rainer Lotz zur Jahreshauptversammlung 2018

Charakteristisch für das vergangene Jahr finde ich das Wort „Nüchternheit“, womit ich nicht „Ernüchterung“ meine, das mir zu sehr nach Enttäuschung klingt.

Etwas mehr Klarheit und eine schwindende Naivität zeigt sich in der bundesrepublikansichen Gesellschaft insgesamt, aber auch für unsere Arbeit in der Stadt und der Region. Die begeisterte Hilfsbereitschaft des Jahres 2015 ist zunehmend der Einsicht gewichen, dass die Aufnahme von mehr als einer Mio Flüchtlingen und ihre Ausstattung mit dem Notwendigsten nur ein Anfang war. Inzwischen sieht jeder, dass Integration ein langer und schwieriger Prozess ist. Es geht dabei nicht allein um breite Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft oder um Unterstützung durch öffentliche Stellen und das bürgerschaftliche Engagement von freiwilligen Helfern. Auch die Geflüchteten, die inzwischen immer mehr als Zuwanderer in Erscheinung treten, haben wie wir sehen, Probleme dabei, sich in ihrer  neuen Umgebung zurecht zu finden.    

Genau da lag früher und liegt auch heute der Schwerpunkt unserer Arbeit. Nach der Schließung der EA wurden wir öfters gefragt, was wir denn nun noch zu tun hätten. Die Antwort darauf kann nur sein, dass wir bei diesem langwierigen Prozess der Eingliederung in unsere Gesellschaft mitwirken und mithelfen. Es geht, wie schon gesagt nicht mehr um eine notdürftige Erstausstattung von hilflosen Menschen. Daher hat auch der Verein das Kleiderlager und die Möbelsammelstelle aufgelöst. Die Betreuung von Familien und Einzelpersonen, Unterstützung bei der Suche nach Wohnungen, Arbeit oder einem Ausbildungsplatz, dem erfolgreichen Schulbesuch der Kinder sind einige der Kernbereiche, in denen wir nach wie vor wichtige Beiträge leisten können und müssen.

Insgesamt ist eine gewisse Professionalisierung bei Institutionen und Behörden nicht zu übersehen. So haben wir inzwischen 2 Integrationsmanager in unserer Stadt, die mit Volker Mohr, dem Leiter des Ordnungsamts, zusammenarbeiten. Auch das Job Center scheint gelernt zu haben, mit seinem neuen Klientel besser umzugehen. Sprachkurse müssen nicht mehr vorwiegend von Freiwilligen abgehalten werden, sondern werden über das BAMF organsiert und in Wertheim von der VHS abgehalten. Ähnlich gibt es auch in einigen Schulen, allen voran der CRW, regelmäßige Vorbereitungsklassen für jugendliche Zuwanderer aus den Krisen- und Kriegsgebieten.

Von recht wenig Professionalität zeugt hingegen die abrupte Kündigung und der Rausschmiss aus dem Café Kunterbunt durch das RP bzw. seine Vertreter. Der Verein wurde aufgefordert, in kürzester Zeit von nur wenigen Tagen das Gebäude zu räumen, damit Instandsetzungsarbeiten begonnen werden könnten. Später zeigte sich, dass diese hektische und rücksichtslose Vorgehensweise weder notwendig noch von den vorgesetzten Stellen in Stuttgart erwartet worden war. Wir danken der Leitung des Kirchenzentrums Wartberg für die Bereitschaft, unsere Bestände zunächst unterstellen zu dürfen und hoffen, dass es auf dieser Basis in der Zukunft eine vertiefte und dauerhafte Zusammenarbeit geben wird.

Eine ‚Chronik‘ der einzelnen Projekte und Ereignisse des letzten Jahres findet sich inzwischen auf der gut gemachten Web-Site von WiW und damit erwähne ich bereits eine wichtige Errungenschaft der letzten Wochen. (Dank an Walter!!!) 

  1. Unser spektakulärstes Projekt war wohl das Reinhardshoffest, wo es gelungen ist, verschiedene Bevölkerungs- und Altersgruppen für einen Tag zusammen zu bringen. Große Anerkennung für Bianca, die sich aufopferungsvoll dem Projekt gewidmet hat und damit einen Höhepunkt ihres Engagements im Café Kunterbunt gesetzt hat. Selbstverständlich gilt diese Anerkennung auch für alle anderen Mitwirkenden innerhalb des Vereins und bei den anderen Mitwirkenden.
  2. Inzwischen gibt es in Wertheim 14 Elternmentoren aus verschiedenen Ursprungsländern, die nach einem Lehrgang die zugewanderten Eltern bei Fragen und Problemen der schulischen Bildung unterstützen.
  3. Ein echtes ‚Erfolgsmodell‘ ist der Frauentreff, den Christiana Hartl und Conny Schwab etablieren konnten. Über Handarbeitsnachmittage hinaus hat sich eine Gruppe von häufig benachteiligten Frauen gebildet, die inzwischen in vielen Bereichen aktiv sind. Mehr davon später.
  4. Die Hoffman Stiftung hat mit großzügigen Spenden die Ausstattung von Kindern mit Schulbedarf und auch Sportartikeln finanziert. Sie bezahlte ebenfalls den Lehrer eines Gitarrenkurses, der in den Vereinsräumen in der Luisenstraße regelmäßig und mit einigem Erfolge abgehalten wurde. Letzter Unterricht am kommenden Freitag. Eine Fortsetzung ist vorgesehen. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bedanken.
  5. WiW ist inzwischen auch als Forschungsgegenstand gewählt worden. Eine Gruppe der Uni Tübingen will an der Situation in Wertheim das Zusammenleben von Alteingesessenen und Zuwanderern unter dem Titel „Fremd in unserer Stadt“ untersuchen.
  6. Auch politisch sind wir in der Öffentlichkeit mit einem Redebeitrag bei der Kundgebung gegen eine Wahlveranstaltung der AfD mit Teilnahme des Rechtsaußens Björn Höcke aktiv gewesen.
  7. Zwei Vorträge von Günter Ascher gaben Einblicke in das Leben, die Kultur und die Umgebung der Menschen in Nepal.
  8. Ein Konzert mit Free Spirit bewies einmal mehr, dass wir nicht nur miteinander arbeiten sondern auch feiern können. Die zahlreichen Besucher und die aus Altwertheimern und Geflüchteten zusammengesetzte Gruppe von Helfern und Mitarbeitern machten Mut, auch in Zukunft ähnliche Veranstaltungen zu organisieren.
  9. Zum Schluss noch ein neues Projekt unter der Leitung von Markus Bicek, das unbedingt bekannt gemacht werden sollte. Er bietet für alle Interessierte dienstags ab 17.00 in den Vereinsräumen Luisenstraße einen Computer- und Internetkurs an. Notwendige Hardware stellt er zur Verfügung und berät auch bei der Anschaffung, Wartung und Reparaturen von Rechnern.